I promise, I am the Future

Performativer Stadtrundgang, Dortmund 2013

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Welche Auswirkungen hat die allgegenwärtige Ökonomisierung auf unser Leben, auf unser Denken, unser Fühlen und Handeln? Wie wirken sich ökonomische Abhängigkeiten auf unsere individuelle Entwicklung und unsere persönlichen Beziehungen aus? Welchen Einfluss hat Reichtum, welchen haben Schulden auf unseren je individuellen Denk- und Möglichkeitsraum – in monetärer ebenso wie in moralischer Perspektive?

Das Projekt I promise, I am the future untersucht diese und verwandte Fragen in Auseinandersetzung mit dem Dortmunder Unionviertel und den Menschen, die dort leben und arbeiten – heute und in der Vergangenheit.

Das Unionviertel ist eines der Viertel in Dortmund und im Ruhrgebiet, in denen der sogenannte Strukturwandel besonders deutlich wird. Bis vor wenigen Jahrzehnten maßgeblich geprägt durch die Brauerei- und die Stahlindustrie, entwickelt sich das Viertel heute zu einem Kreativquartier – so zumindest propagiert es die Stadtverwaltung. Einher mit dieser kolportierten Entwicklung geht eine Wandlung des Begriffs der Arbeit und vor allem des Zusammenhangs zwischen Arbeit und Gelderwerb; die Figur des Selbstunternehmers wird zum Leitbild. Mit dem Wandel von der klassischen, fordistischen Industriearbeit hin zu vorgeblich selbstbestimmten Wirtschaftsbiografien eröffnen sich für jeden einzelnen neue Möglichkeiten, ebenso wie sich neue Abhängigkeiten entwickeln. Mit der angeblichen Selbstbestimmtheit entstehen neue Bindungen an Personen und Systeme, die eigentlich den Möglichkeitsraum des Selbstunternehmers garantieren sollen. Hierzu zählt der Staat ebenso wie Banken und andere Geldgeber*innen, Immobilienbesitzer*innen und Investor*innen, die von der eigenen Profitabilität zu überzeugen zu einer wesentlichen Aufgabe wird. Der neoliberale Mensch gerät ständig in Gläubiger*innen-Schuldner*innen-Beziehungen. Die ökonomische Notwendigkeit ebenso wie die moralische Verpflichtung zur Selbst-Entwicklung verschmelzen zu einem Fetisch der Persönlichkeits- und Identitätsbildung.

I promise, I am the Future ist ein dreistündiger Rundgang durch das Dortmunder Unionviertel, den man in Gruppen zu jeweils vier Personen macht. Von der ersten bis zur letzten Minute sind die Besucher*innengruppen nur wenige Momente allein, denn ein Prinzip des Rundgangs besteht darin, dass jede/r Performer*in eine Gruppe an die/den jeweils nächste/n Performer*in übergibt. Die Arbeit der Performer*innen besteht darin, sich zu Fragestellungen der Ökonomisierung des Selbst, zu Profitabilität und Abhängigkeit, zu ihrer individuellen Schuldner*innenidentität in Beziehung zu setzen und sich so selbst in seiner/ihrer (ökonomischen) Verletzlichkeit und Risikobereitschaft zur Disposition zu stellen. Ist die Schwierigkeit des Wiedereinstiegs in den Arbeitsmarkt jenseits des Jugendalters mit dem Slogan „Scheitern als Chance“ zu fassen? Kann die/der Einzelne, die/der mit ihren/seinen Verpflichtungen gegenüber dem Staat in Verzug gerät, auf Gnade hoffen? Welche Optionen hat ein*e Banker*in, die/der die Leichtsinnigkeit ihrer/seiner Kund*innen nicht mehr erträgt? Was wiegt die Gefährlichkeit der klassischen Industriearbeit in einem Stahlwerk auf? Wie kann ich mich aus dem öden Arbeitsalltag am einfachsten in den Süden zaubern? Und welchem Versprechen begegnet ein kindlicher Blick auf diese Erwachsenenwelt?

 

Das Projekt ist eine Koproduktion des Hartware MedienKunstVerein (HMKV) mit Urbane Künste Ruhr im Rahmen der Ausstellung Requiem für eine Bank und des New Industries Festival.

Mit: Andreas Beck, Vega Breitenstein, Pedro Sanz Castro, Gerhard Droste, Olga Fainchtein, Anouk Frerichs, Dietrich Luttner, Mullai Mohan, Karl Ratschmann, Bruno Schröers, Rasan Sivalingam, Karin Sonnenschein, Reinhard Stuttmann, Klaas Werner.

Konzeption und Regie: Jens Heitjohann
Outside Eye: Aline Benecke
Projektleitung: Christina Pfrötschner
Kurator: Fabian Saavedra-Lara
Dramaturgische Beratung: Johanna-Yasirra Kluhs
Photos: David Figura

Zum HMKV – Videotrailer des Projekts (Regie: David Figura)