Ohne Anweisung. Ein Sprechstück mit Zuschauern

Performancetheater, Mannheim 2011

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Das Stück Ohne Anweisung hat mehrere Ausgangspunkte. Wir wurden vom Mannheimer Festival Schillertage eingeladen, ein Projekt über Zuschauer*innenstimmen zu Schiller zu machen. Hierzu interviewten wir etwa 40 Menschen zu ihren Seherfahrungen von Schiller-Stücken. Diese reichten zurück bis in die Nachkriegszeit, als Erwin Piscator das im Krieg zerstörte Mannheimer Nationaltheater mit – natürlich! – Schillers „Die Räuber“ wiedereröffnete. Wie spricht sich die Erinnerung an Schiller-Aufführungen aus und welche Phantasie bewohnt sie?
Hierzu korrespondierend beschäftigten wir uns mit dem Archivbestand des Mannheimer Theatermuseums zu den Schiller-Inszenierungen der vergangenen Jahrzehnte, die in einem umfangreichen Photoarchiv festgehalten sind. Sind Erinnerungsbilder übersetzbar bzw. re-inkorporierbar?
Ein dritter Ausgangspunkt für die Inszenierung waren Schillers Jugendstücke. Stücke, in denen er seine Lebensthemen entwickelte und welche beherrscht sind von seiner jugendlichen Risikobereitschaft und seinem ungestümen Charakter. Stücke in denen er über familiäre Loyalität, über Rechtschaffenheit, über die Standesgrenzen überwindende Kraft der Liebe nachdachte, über Revolution, über Intrige und Verrat. Wir erarbeiteten uns die Stücke und ihre Motive zusammen mit dem Schauspieler Matthias Tömmes und beschäftigten uns mit der Frage, welche der Motive für uns heute noch relevant sein könnten, in welchem Verhältnis wir zu diesen Themen stehen.
Zum vierten beschäftigten wir uns mit dem Ort der Aufführung und der Transformation von Räumen. Lokalisiert in einer kleinen Blackbox, dem Theater Tik 7, verwandelten wir dessen Raum mittels einer 8-Kanal-Audio-Installation, die um die Zuschauer*innen gruppiert war, in das große Haus des Mannheimer Nationaltheaters, und Matthias Tömmes trat – akustisch – ebendort vor die Zuschauer*innen. In der Aufführung re-korporalisierte er gesammelte Erinnerungsbilder und verhandelte das Verhältnis zwischen ihm selbst, dem jungen Schiller und dem anwesenden Publikum. Unterbrochen immer wieder vom Chor der Schiller-Zuschauer*innen aus den letzten Jahrzehnten, deren Stimmen aus dem weiten Raum des Nationaltheaters an die Ohren der Besucher*innen unserer Aufführung drangen.

 

Mit: Matthias Thömmes

Konzeption und Realisation: Jens Heitjohann und Julia Krause
Klangregie: Max Schneider
Dramaturgie: Katharina Blumenkamp
Ausstattung: Katja Quinkler
Hospitanz: Leona Dölger

Eine Auftragsproduktion des Nationaltheaters Mannheim für die Internationalen Schillertage 2011 in Kooperation mit dem TiG7

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